Sommernovelle von Christiane Neudecker

„Es gib diese Sommer nur in der Kindheit oder der Jugend. Oder im Übergang vom einen zum anderen. Ich habe nie wieder so etwas erlebt. Dabei war jener Sommer eher ein Frühling. Und er dauerte nur zwei Wochen lang.“

Es ist der Sommer, den sie nie vergessen werden. In ihren Ferien arbeiten zwei 15-jährige Schülerinnen auf einer Vogelstation direkt am Meer. Bei flirrender Hitze streifen sie über die Nordsee-Insel und lauschen den Trillergesängen der Austernfischer, sie trinken eisgekühlte Limonade, zählen Silbermöwen am Himmel und führen Kurgäste durch das schillernde Watt. Doch dann holt eine Realität sie ein, mit der sie nicht gerechnet hatten. Denn was geschieht, wenn man sich mitten in der Lebenslüge eines anderen Menschen befindet?

Mit leuchtender Erzählkraft entführt Christiane Neudecker ihre Leser an die stürmische Nordsee, hinein in die Turbulenzen des Erwachsenwerdens – und in die Magie eines unvergesslichen Sommers.

„Eine Coming-of-Age-Geschichte, die lesesüchtig macht.“ Maren Keller / SPIEGEL ONLINE

„Vogelbeobachtung, Sonne, Nordsee – und Freundschaft! Das alles steckt drin in Christiane Neudeckers bezaubernde Sommernovelle.“ Natascha Geier / NDR-Fernsehen

„Sommernovelle ist ein vergleichsweise stilles Buch. Doch es ist von berückend leichthändiger Virtuosität.“ Meike Feßmann/Süddeutsche Zeitung

„Es ist ein Buch für die Altersgenossen seiner Heldinnen und eines, das Erwachsenen das Herz erwärmt.“ Edelgard Abenstein / Deutschlandradio Kultur

„Diese Novelle ist eine Feier der Jugend – und des Sommers!“ annabelle

„“Sommernovelle“ ist ein flirrender Roman“ RBB, Radio Fritz

LESEPROBE

(…)

Hektisch schlagende Flügelschwingen durchzitterten mein Blickfeld, ich konnte kaum etwas erkennen, alles wackelte und ruckte. Fast glaubte ich, das Knistergeräusch des weißen Rauschens zu hören, das manchmal aus unserem großen Fernseher im Wohnzimmer kam. Aber dann verschob sich etwas. Ich spürte Hillers Hand, die sich warm auf meine legte, das Fernglas um wenige Millimeter von meinen Augen entfernte und durch eine geschickte Drehung die Schärfentiefe einstellte. Da sah ich sie.

Es waren Hunderte. Sie waren weit draußen, dicht über dem Meer. Sie schossen über die Wasserfläche hinweg, sie hoben und senkten sich, sie fächerten sich auf, zogen sich zusammen, schwangen sich höher hinauf und stürzten wieder abwärts. Ihr Gefieder schimmerte in der Sonne. Ich wagte kaum zu atmen. Ich hatte Angst, sie könnten mich bemerken. Obwohl ich so weit entfernt stand, hatte ich auf einmal das Gefühl, als wäre ich mitten im Schwarm. Alles oszillierte und glänzte um mich herum, ich spürte das Aufsteigen und Sinken in meinem ganzen Körper. Ich bog mich in eine Flugkurve mit hinein und verlor fast das Gleichgewicht.

„Lemikolen“, hörte ich Hiller sagen, „Können Sie jemanden erkennen?“ Ich versuchte, mich zu konzentrieren. Ich sah die hellen Bäuche, das dunklere Deckgefieder. „Schnepfen? Regenpfeifer? Knutts?“ riet ich. Dass die Knutts hier im Wattenmeer auf dem Durchzug ihr Gewicht verdoppelten, hatte ich gelesen. Und dass sie für die Weiterreise ihre Gestalt verändern konnten, sich für den langen Flug den Magen und die Beine verkleinerten und dafür das Herz und die Flügel vergrößerten. Das fand ich faszinierend. Lotte und ich hatten uns vorgestellt, wie praktisch das wäre: wenn wir im Sommer eine längere Zunge bekämen, um mehr Eis essen zu können. Oder uns im Winter einfach mal Fell auf den Händen wachsen lassen könnten, gegen die Kälte. Ich mochte die Knutts. Ich fand auch ihren Namen lustig. Aber wenn ich ehrlich war, hatte ich noch keinen von ihnen gesehen. Sie hatten, vermutete ich, den frühen Sommer erahnt, und waren schon längst hoch oben in Grönland oder Alaska. „Ich weiß nicht genau“, sagte ich unsicher und setzte das Fernglas ab.

Ich brauchte einen Moment, um mich zu orientieren. Mir fehlten die Vögel um mich herum, ihre Bewegung. Alles war auf einmal so statisch. Der Teerdeich. Das hölzerne, angebaute Plateau, auf dem wir standen. Mein eigener, mit der Schwerkraft verankerter Körper. Mein Herumstehen kam mir auf einmal ganz furchtbar langweilig vor. Sehnsüchtig sah ich zu der Schwarmwolke hinauf. Mein ganzer Körper hatte, während ich durch das Fernglas blickte, zu kribbeln begonnen. Ich wollte mitziehen können, mich loslösen, abheben. Fast hatte es sich angefühlt, als wäre Fliegen tatsächlich eine Möglichkeit. Als müsste ich mich einfach nur trauen. Probehalber spreizte ich meine Arme zur Seite und bewegte sie ein wenig auf und ab. Hiller beobachtete mich belustigt. „Fliegen Sie mir nicht weg“, sagte er. „Das sind Strandläufer, die werden sowieso gleich hierherkommen. Eigentlich halten sie sich bei Flut nicht über dem Wasser auf.“ Er hatte recht. Die Wolke näherte sich. Schon hörten wir das Aufrauschen von hunderten in der Luft schlagenden Flügeln.

„Es kling ein bisschen, wie das Umblättern von Buchseiten, finden Sie nicht?“, sagte Hiller. Ich schloss die Augen und versuchte, mich in das Geräusch hinein zu hören. Ich schüttelte den Kopf. Bücher klangen, fand ich, flacher, sie hatten nicht diesen Korpus, nicht diese Tiefe. Das Flügenschlagen hatte viel mehr Räumlichkeit. „Vielleicht wie bei einem dicken Buch?“, schlug ich vor. „Sie denken zu vereinzelt“, sagte Hiller. „Stellen Sie sich eine große Bibliothek vor, einen hohen Saal mit Holzvertäfelungen, und lassen Sie das Rauschen durch die Regale ziehen. Hunderte sich aufblätternder Bücher.“ Ich musste lachen. Der Gedanke an so viele Bücher machte mich glücklich. Ich wollte die Augen wieder öffnen, aber da spürte ich Hillers Hand über meinen Lidern. Seine Haut war rau und roch nach Tabak. Der Ärmel seiner Strickjacke striff über meine Schläfe. „Und jetzt stellen Sie sich vor, die Vögel wären Buchstaben“, sagte er leise.

Ich atmete. Ich konnte hören, dass sie jetzt ganz nah waren. Das Brausen wurde lauter, nein, es wurde voluminöser, es blähte sich auf und bekam einen sirrenden Oberton und vor allem mehr Tiefe. Gleich mussten sie direkt über uns sein, ich fühlte schon die Kraft, mit der sie sich uns näherten, die Verwirbelung und Verdrängung in den Luftschichten. Dann war es soweit. Sie waren da. Ich spürte ihre Anwesenheit, hoch über uns. Und ich sammelte mich, ich stellte mir ihre Verwandlung vor. Unter meinen geschlossenen Augenlidern verformten sich die Flügelspitzen der Vögel zu Seriphen, die Biegungen ihrer Hälse wurden zu Vokalschwüngen, die Maserungen auf ihrem Gefieder zu Textschraffur. Sie bauschten sich hoch über unseren Köpfen in den Sommerhimmel hinauf, eine Wolke aus tanzenden Lettern auf klarem, blauem Grund. „Können Sie sie ordnen?“, hörte ich Hiller fragen.

Ich runzelte die Stirn und versuchte, die Buchstaben aufzufädeln. Ich wollte sie zu Silben und Worten zusammenzufügen, aber es gelang mir nicht, ich sah nur ein Wirrwarr aus herum sausenden, Haken schlagenden Sätzen vor meinem inneren Auge. Die Buchstaben verschmolzen zu Glyphen, die gar keinen Sinn ergaben. Bevor ich mir darüber Gedanken machen konnte, hörte ich wieder Hillers Stimme dicht neben meinem Ohr. „Wenn da jetzt Sätze stünden“, sagte er, „Wie viele wären es?“ „Zu viele“, rief ich, „das sind ja ganze Seiten!“ „Und wie viele Seiten sind es?“, setzte Hiller nach. Ich schüttelte den Kopf. Fast hätte ich dabei Hillers Hand von meinen Augen weggeschubst. „Da muss ich nochmal gucken“, sagte ich.

Ich begann, unruhig zu werden. Außerdem konnte ich hören, dass die Strandläufer sich entfernten und ich wollte wissen, wohin. „Gut“, sagte Hiller, „aber Sie dürfen nicht nachdenken. Denken Sie an die Buchseiten. Sagen Sie mir die Zahl sofort, wenn Sie den Schwarm sehen. Verstanden?“ Ich schluckte. Auf einmal war ich aufgeregt. Ich spürte, wie Hiller mit der anderen Hand nach meiner Schulter griff und mich in Richtung des leiser werdenden Flattergeräusches drehte, und konzentrierte mich. „Drei“, sagte er „zwei, eins.“ Und mit einer ruckhaften Bewegung gab er mir den Blick frei.

Der Schwarm war entlang der Uferlinie weitergezogen. Gerade waberte er hinten an der Inselbeuge über die gefluteten Priele der Salzwiesen. Unter dem Luftzug bogen sich auf den Wiesenzungen die Halme gegen den durchfeuchteten Boden. Es sah aus als würde ein glänzendes Vlies der Fluglinie nachströmen. Einen Moment lang war ich abgelenkt. Ich verlor mich in der Strömung, ich verlor das Bild, das ich mir unter Hillers Handschale gemacht hatte. „Nicht denken!“ befahl Hiller neben mir. Meine Vorstellung sprang zurück, mein Herz begann zu klopfen. Mit zusammengekniffenen Augen starrte ich in die Vogelwolke hinein und plötzlich sah ich Wortfugen. Ich sah ganze Sätze, die sich über den Himmel zogen. Ich hielt die Luft an, ich dachte nicht und zählte nicht – ich blätterte, ich las. „Fünf Seiten“, rief ich, „stopp, nein, viereinhalb!“

Ich atmete aus und drehte mich Hiller zu. Er sah zufrieden aus. Seine Haltung war entspannt und die Lachfalten um seine Augen waren tiefer als sonst. Sogar sein grauer Bart wirkte irgendwie aufgeräumt. „Sehr gut“, brummte er und notierte sich etwas auf seinem Klemmbrett. Ich beugte mich zu ihm und versuchte zu erkennen, was er schrieb.

Hiller sah auf und schmunzelte, als er meinen ratlosen Blick bemerkte. „Wir finden Ihre Maßeinheit“, erklärte er mir, „Wir eichen Sie ein.“ Mit der Spitze seines Kugelschreibers deutete er auf den Schwarm, der sich in der Ferne über die Felder senkte. „Das hier sind knapp neunhundert Strandläufer. Für Sie sind es viereinhalb Seiten. Also hat bei Ihnen eine Seite rund zweihundert Vögel. Künftig können Sie so die Großschwärme einschätzen. Sie müssen nicht berechnen, Sie müssen nur lesen.“

Ich wollte protestieren, schließlich befanden sich auf einer normalen Buchseite doch sicher sehr viel mehr Buchstaben, aber Hiller wehrte ab. „Behalten Sie diese Zählweise“, sagte er. „Wenden Sie sie an, stellen Sie sie nicht infrage. Üben Sie. Achten Sie auf das, was der Himmel Ihnen buchstabiert.“

Mein Herz klopfte noch immer so schnell. Ich wollte etwas Flapsiges sagen, einen Witz machen, aber mir fiel gar nichts ein. „Danke“, sagte ich schließlich. Weit hinten, über einem leuchtenden Rapsfeld, verdrehten sich die aufjubelnden Strandläufer zu einem wirbelnden, sich langsam entfernenden Karussell. Ich stand ganz still und sah ihnen nach.

(…)

Erschienen im:

Luchterhand Literaturverlag
Mai 2015
ISBN: 978-3-630-87459-3