Nirgendwo sonst von Christiane Neudecker

„Kann nicht sein, dass ich dich nicht wieder sehen soll. Das lasse ich nicht zu.”

Burma, im Herbst 2004: Ein Mann hetzt durch das Land. In der so faszinierenden wie bedrohlichen Welt des abgeschotteten Militärstaates sucht er die Frau, die ihn soeben verlassen hat. Je tiefer aber der Deutsche in das Innere von Burma vordringt, desto mehr verliert er nicht nur ihre Fährte, sondern auch: sich selbst. Was wie eine traumhafte Abenteuerreise begann, wird zu einer verschlungenen Irrfahrt in das eigene Ich – und in die Untiefen der Vergangenheit. Denn in einem Land, das so vieles verbirgt, kann man sich auf nichts verlassen – schon gar nicht auf sich selbst.Nirgendwo sonst“ ist eine Reise ins Herz der Finsternis, eine spannende, dichte Expedition in die Abgründe einer bedrohlichen Diktatur und einer verloren gegangenen Identität.

Ausgezeichnet mit dem August-Graf-von-Platen-Förderpreis und dem Kulturförderpreis der Stadt Nürnberg.

„Neudecker hat die für den Reisenden unsichtbare, unterschwellig jedoch allgegenwärtige Willkürherrschaft sowie die Gefährdung der Einheimischen unter den Bedingungen der Militärdiktatur beklemmend eindrücklich eingefangen.”

amnesty international

 

„Eine Geschichte über Land und Leute, Schuld und Sühne und auch über deutsche Vergangenheit. Vertraute Seelen in einer uns extrem fremden Welt: spannend und interessant.”

Münchner Merkur

„Hellsichtig und beeindruckend: Christiane Neudeckers erster Roman – Ein Reise in die Finsternis. ‘Nirgendwo sonst’ ist ein wichtiges Buch. Gerade jetzt.”

BRIGITTE

Leseprobe

2

Ein sich verlierender Raum. Ein lang gezogener Schlauch aus vergilbten Wänden. Die Sonne vor den weit geöffneten Fensterflügeln am Ende des Zimmers, Tunneleffekt. Er auf der anderen Seite, totes Ende. Die vielen Gesichter, die ihm zugewandt waren. Die unzähligen Augen, die ihn anstarrten. Mönche, die vor ihm auf dem Boden kauerten, auf Bankreihen, an niedrigen Tischen. Sie drängten nach durch die immer wieder aufschlagende Tür, schoben sich an die Wände, lehnten am Fensterrahmen, ihre gebogenen Körper Schattenrisse im Gegenlicht. Er saß vor ihnen, blickte auf diesen Teppich aus kahl geschorenen Köpfen, Safranfarbenen Roben, halbnackten Schultern. Auf der graugrünen Tafel in seinem Rücken zerfiel sein Name zu Zeichen. Die Kreidespuren schoben sich ein in die verschlungenen Kreislinien der Landesschrift, in aufbrechende Hufeisen, sich verzahnende Zirkel, in die liegende Acht, Symbol für Unendlichkeit. Der Schweiß floss ihm von der Stirn in die Augen, während er sich an dem Mikrophon festhielt, das sie ihm gegeben hatten. Er beugte sich vor, ihren Fragen entgegen. Ihren immer gleichen Fragen, die hinter ihm auf die Tafelfläche zu prallen schienen, die sich aufhängten an seinem zu Kringeln verformten Namen, seinem zu ihnen gekrümmten Rücken, der Ratlosigkeit in seinem nass geschwitzten Gesicht. Wer waren sie, warum hörten sie nicht auf.

Where do you come from. Where do you go. How long will you stay.

Die Worte der Regisseurin fallen ihm ein. Die er einmal gefragt hat, wie sie es schaffe, bei Proben zu einem Theaterstück die fehlerhafte Stelle aufzuspüren. Das sei, antwortete sie, tatsächlich ganz einfach. Sie suche den Augenblick, von dem an die Inszenierung sie zu langweilen beginne. Und dann, sagte sie, gehe ich von dort aus zurück. Das ist wichtig: dieses Rückwärtsgehen, Schritt für Schritt. Denn es sind die Momente ganz kurz vor dem Problem, die geändert werden müssen. Der Fehler, sagte die Regisseurin, entwickelt sich immer im Davor.

Ich muss zurück zum Ausgangspunkt. Es gab da einen Fehler.

Er war hinter dem Mönch durch dieses dunkle Treppenhaus nach oben gestiegen und hatte nicht gefragt. Er hatte sich ansprechen, sich mitnehmen lassen. Es war so angenehm gewesen: neben jemandem zu laufen, der wusste, wohin er ging. Der ihm sagte: this way, turn left. Und er hatte den Mönch nicht gefragt, wer diese Freunde waren, denen er ihn, den Europäer, den Deutschen, vorstellen wollte. Ein paar Freunde, hatte er gedacht, ein paar Mönche vielleicht, das könnte spannend werden. Man könnte mit ihnen an einem Tisch sitzen, vielleicht etwas trinken, sie befragen, reden. Die Mönche könnten von ihrem Alltag erzählen, den Gebeten, dem Land. Und später könnte man von ihrem Tisch aufstehen und beschwingt durch die Stadt laufen, während man in tiefen Zügen die Nachtluft einatmet und sich freut, weil sich nun alles schon weniger fremd anfühlt.

Die vielen Stimmen hatte er erst gehört, als sie schon knapp vor der Tür standen. Ein seltsames Murmeln war das gewesen, ein Durcheinander aus unverständlichen Satzfetzen und abgehackten englischen Wortbrocken, die er in ihrer ungelenk ausgesprochenen Klangfärbung fast nicht wieder erkannte. Der Mönch hatte ihm die Tür aufgestoßen, bevor er hatte reagieren können. Bevor er hatte sagen können: was soll das. Wo sind wir hier.

Sie waren sofort verstummt. Schweigend hatten sie ihm ihre Köpfe zugedreht, hatten ihn mit diesen Blicken angesehen, die er bis heute nicht deuten kann. Er war im Türrahmen stehen geblieben, hatte versucht, die Anzahl der Gesichter zu überschlagen, sie hastig zusammenzurechnen: siebzig, achtzig Leute waren das mindestens. Gerade wollte er sich umdrehen, wollte den Mönch zurück auf die Treppenstiege ziehen, ihm sagen: Entschuldigung, das ist ein Missverständnis, ich kann sowas nicht. Wer sind diese Leute. Aber dann kam der Lehrer. Mit erhobenen Armen war der auf ihn zu gelaufen, hatte sich mit seinem dürren Körper durch die durchbrochenen Linien der Holzpulte geschlängelt, hatte ihn an der Schulter gepackt und nach vorne zur Tafel gezerrt. Hatte ihn auf einen Stuhl auf dem Podest gedrückt, während er sich gleichzeitig die öligen Haare aus dem Gesicht strich und seinen Schülern unverständliche Worte zubellte. Einer der jüngeren Mönche sprang auf und brachte das Mikrophon, überreichte es dem Lehrer. Es gab eine kurze Rückkopplung, als sie den Verstärker zuschalteten, ein Knacken, ein Rauschen. Dann die Frage: where do you come from, wo kommst Du her.

Beim ersten Mal hatte er versucht, zu lächeln. Germany, hatte er gesagt. Und dass er gerade erst angekommen sei, I arrived a few hours ago. Er hatte dabei den Lehrer angesehen. Hatte an ein Gespräch denken müssen, in dem ihm ein Freund von der Beklemmung erzählte, die er fühle, sobald er im Ausland zuzugeben habe, dass er Deutscher sei. Ständig müsse er beweisen, dass er harmlos sei und unpünktlich, unorganisiert und lustig. Ganz anders eben, irgendwie undeutsch. Mit seiner hellen Haarfarbe habe das zu tun, stöhnte der Freund, mit den blauen Augen und der athletischen Figur. Zu arisch also, selbst heute noch. Da komme man ja kaum gegen an. Inzwischen sei er dazu übergangen, sich als Schweizer auszugeben, manchmal als Österreicher. Und, nachdem er ein Jahr in Stockholm verbracht hatte, schließlich als Schwede. „Aber natürlich“, hatte der Freund gesagt und gelacht, „geht sowas nur bei Leuten, die du nie wieder sehen willst.“

Germany. Der Lehrer hatte auf seine Antwort kaum reagiert. Er schien mit Deutschland nichts in Verbindung zu bringen, keine drittes Reich, kein zweigeteiltes, wiedervereinigtes Land. Burkina Faso, schoss es ihm durch den Kopf, hätte man antworten müssen, Papua Neuguinea, irgendetwas Exotisches. Der Lehrer war neben ihm gestanden, hatte ihn von oben herab mit diesen wachen Augen angesehen, hatte nicht genickt, nicht nachgefragt, hatte das Wort nicht wiederholt, Germany, Germany, sondern sich vorgebeugt und gesagt: And where do you go.

Wo gehe ich hin.

(…)

Erschienen bei:

Luchterhand Literaturverlag
März 2008
ISBN-13: 978-3630872773

btb
April 2010
ISBN-13: 978-3442740932