In der Stille ein Klang von Christiane Neudecker

„Später soll er sich umgebracht haben, vom Dachgarten gesprungen, und ich frage mich, ob er die Stille gefunden hat.”

Ein Klangdesigner für Autos, der in Dubai bei der Entwicklung eines Prototyps nicht nur seinen Job verliert; das frisch getrennte Paar, das sich im spätsommerlichen Paris immer weiter voneinander entfernt; eine nächtliche Passantin, die sich beim Anblick einer Straßenskulptur ihrem toten Vater gegenübersieht: In 13 kraftvollen, berührenden und verstörenden Erzählungen trifft der Lärm der Alltagswelt auf Abgründe der Stille – ein Zusammenprall, aus dem eine neue, eindrückliche und ungewöhnlich welthaltige Stimme der deutschsprachigen Literatur entsteht.

 

„Es ist anders. Es ist irgendwie schön und bewegend, neu und weltgewandt. Es ist Leben darin, statt Lähmung. Und die Welt, statt Berlin.”

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

„13 Stories, jede für sich eine sorgsam komponierte Minisymphonie.”

kulturnews

 

„Christiane Neudeckers Erzählungen sind außergewöhnlich [..], weil sie von einem unglaublichen Einfalls-, einem großen Facettenreichtum und einem sensiblen Einfühlungsvermögen zeugen.”

titelmagazin

Leseprobe

Auszug aus: Unterwelt

Der Vesuv. Flirrend fährt er an der staubigen Fensterscheibe vorbei, groß und still und dunkel. „Er atmet noch“, denkt der Junge in der elften Reihe, „wenn ich still bin, kann ich ihn hören.“ Er schließt die Augen und lauscht, aber jetzt haben die anderen den Vulkan entdeckt. Plötzlich platzt die schläfrige Stille im Bus wie ein prall gefüllter Wasserballon, kreischend und lachend werfen sich die Reisenden an die rechte Fensterfront: „Seht nur, da ist er, seht nur, da!“

Der Junge in der elften Reihe gräbt die Hände über seine Ohren, aber sie lassen ihn nicht zurück in die Stille – er sitzt auf der rechten Seite, auf einem der nun begehrtesten Plätze. Über, neben, unter ihm sind sie auf einmal, sie krabbeln über seinen Schoß, bohren ihre Kameralinsen in die Glasscheiben oder ihre verschwitzten Reiseklamotten in seine Nase, und pusten ihm ihrem Kaffeeatem in den Nacken: „Der Vesuv, der Vesuv!“ Erwachsen sind sie angeblich alle, aber das kann der Junge gerade nicht mehr glauben. Vorne neben dem Busfahrer ist die Reiseleiterin aufgesprungen, hektisch, sie hat verschlafen und angelt mit fahrigen Bewegungen nach ihrem Mikrofon. „Der Vesuv, jaja!“, ruft sie und wischt sich mit einer panischen Geste die plattgelegenen Haare aus dem Gesicht, „der Vesuv!“ Auf ihren Wangenknochen hat sich das Polstermuster des Sitzes eingegraben, eine feine Maserung, die ihrem biederen Aussehen etwas Abenteuerliches verleiht, eine Indianerin auf Abwegen. Ihren Text hat sie in  der Eile vergessen, aber das macht nichts, sie hat etwas viel Wichtigeres zu sagen, nämlich: „Halten können wir leider nicht.“

Da braust ein Sturm der Entrüstung durch den Bus: was soll das heißen, kein Stop, um den Vulkan auf lichthungrige Negative zu brennen, keine Glanzabzüge, keine Dias, keine Filme ohne Scheibendreck? Das geht nicht, das kann nicht sein, man hat für den Vesuv bezahlt. Aber die Reiseleiterin bleibt unerbittlich, sie hat jetzt wieder alles unter Kontrolle. Sie weiß, was passiert, wenn der Bus für eine kurze Pause anhält. Siebenundzwanzig Erwachsene und ein Kind quellen dann auf den Asphalt. Und während die eine Hälfte enthusiastisch ihre Kameras zückt und sich im Gebüsch verheddert, weil man dort das beste Motiv vermutet, will sich die andere Hälfte nur mal eben kurz die Beine vertreten. Die muss die Reiseleiterin dann wieder aufsammeln, aus den Toiletten fischen, aus fremden Bussen zerren, unter Souvenirs ausgraben und von hübschen Italienerinnen herunterheben und schwuppdiwupp wird aus der Pause ein Tagesausflug, das hat sie schon oft genug erlebt. Nein, hier wird sie hart bleiben, das gehört zu ihrem Beruf. Der Vesuv bleibt für diese Gäste hinter Glas.

„Sie wollen doch Pompeji noch sehen“, sagt sie streng und weist damit die Nörgler in ihre Schranken. Pompeji, sicher, da muss man gewesen sein, das ist schon richtig. Und der Vesuv, naja, der spuckt sowieso kein Feuer mehr, da lobt man sich doch den Ätna, der bietet einem noch etwas fürs Geld.

Der Junge in der elften Reihe rutscht tiefer in seinen Sitz. Dass er überhaupt hier sitzt, hat damit zu tun, dass er dreizehn ist. Und damit, dass seine abergläubische Oma es nicht über sich bringt, einen Dreizehnjährigen bei sich zu beherbergen, wenn seine Eltern in den Urlaub fahren. Da muss er eben mit, der Junge. Das ist auch gut so, findet die Mutter, er soll ruhig mal was sehen von der kulturellen Welt. Nicht immer nur die kinderfreundlichen Strände, an die man ihn bisher geschleppt hat. Er ist alt genug, um Kirchenschiffe von innen zu betrachten. Weswegen Stefan jetzt im Rücken seiner Eltern kauert. Während der Vater auf der Sitzlehne mit dem Fotoapparat dem Vesuv hinterher hangelt, ist die Mutter damit beschäftigt, sich für Pompeji vorzubilden. „Dort gibt es Leichen, die innen hohl sind“, sagt sie und wirft ein beifallsheischendes Lächeln über die Sitzlehne. Der Junge wendet sich dem Fenster zu und schweigt.

Zitronenbäume sausen am Bus vorbei. Wie kleine Kometen wischen die harten, gelben Früchte über die Glasscheibe. Stefan würde gerne die Hand ausstrecken und sie pflücken, aber das geht nicht. Der Bus hat eine Klimaanlage, die Fenster sind versiegelt. Das sei doch nicht so schlimm, findet die Reiseleiterin, bei der sich der luftliebende Vater deswegen beschwert hat, und die Zitronen, naja, die könne man dann sicher auf der Zitronenplantage pflücken, die am fünften Tag um vierzehn Uhr auf dem Programm steht.

Heute ist Tag vier. Der vierte, überquellende Reisetag. Nur am ersten Tag gab es außer abendlichen Spaghetti Carbonara in einem kalten, leeren Hotelkasten nicht besonders viel zu sehen. Aber seitdem prasseln die Eindrücke auf die winterverschlafenen Augen der Deutschen. Frühling ist hier schon – und zu Hause, berichten die Verwandten, hat es geschneit! Durch das aufblühende Rom hat man sie hindurchchauffiert, das endlos weite Colosseum haben sie bewandert und in der letzten Nacht durften sie im Dämmerlicht die Gassen von Neapel durchlaufen. In Capri werden sie die blaue Grotte bestaunen, sie werden durch Olivenhaine und die Ausgrabungsstätte von Pompeji schlendern und am letzten Tag wird man ihnen elektrische Heizdecken und bunte Plastikstühle zum Kauf anbieten. Man muss die sich ja nicht aufschwatzen lassen, wie der Vater Stefan erklärt. Die Reise sei deswegen so billig, weil einige Trottel dem Reiseunternehmen allen möglichen Krempel abkauften. Dem Vater werde das natürlich nicht passieren. Das sei alles eine Frage der psychologischen Abhärtung. Die Mutter hat bekräftigend genickt und dabei heimlich die Plastikausgabe des Colosseums in bisschen tiefer in ihre Handtasche gedrückt.

„Pompeji lag unter einer sechs Meter dicken Ascheschicht!“, ruft sie jetzt so begeistert, als hätte man ihr einen Kuchen mit extra dicker Zuckerglasur vor die Nase gesetzt. Stefan will ihr sagen, dass ihm das egal ist, aber er lässt es lieber. Vielleicht vergisst sie dann, dass er da ist. Zu Hause gelingt ihm das manchmal. Er schließt Türen hinter sich, er verkriecht sich im Garten, im Keller, auf dem Dachboden und dann hüllt ihn die Stille ein, solange, bis ihnen wieder einfällt, dass es ihn gibt. Dann fangen sie an zu rufen und zu suchen und er muss ihnen antworten, weil sie sonst die Polizei herbeitelefonieren.

Auf dieser Reise gibt es keine Dachböden. Das ist das Schlimmste, findet Stefan. Die langweiligen Städte, durch die sie hindurchstapfen, kann er ertragen, die spitzen Entzückungsrufe der Erwachsenen kann er überhören, die albernen Kommentare der Reiseleiterin kann er ausblenden, aber die abwesenden Türen, die er nicht schließen kann, die machen ihm zu schaffen. Selbst nachts darf er nicht alleine sein. Er muss sich auf unbequemen Sofas und dazugeschobenen Gitterbetten ablegen, während der Vater schnarcht und die Mutter bis tief in die Nacht mit ihrem Reiseführer raschelt. Tagsüber versucht er manchmal, zwischen den anderen Reisenden abzutauchen. Aber weil er das einzige Kind ist, fällt er auf. Die Frauen fangen an zu gurren, wenn er sich in ihre Nähe bewegt, und schieben ihm halbgeschmolzene Schokoriegel zwischen die Zähne. Die Männer machen Witze, von denen sie glauben, dass er sie nicht versteht. Am zweiten Tag hat er versucht, mit dem Ehepaar aus Franken die Plätze zu tauschen. Er wollte hinten sitzen, ganz hinten, den freien Rücken an die Wand gepresst, so dass jeder, der ihn beobachten hätte wollen, den Hals in seine Richtung hätte verdrehen müssen. Aber das fränkische Ehepaar ist kinderlos und hat ihm nicht zugehört. Sie waren zu verblüfft darüber, dass er schon sprechen kann. „Allmächdla na“, rief die rundliche Ehefrau beeindruckt aus, „der Bou is scho a glanner Moo!“ Später hat ihm die Mutter zugezischt, dass er die Mitreisenden nicht belästigen soll, seitdem spricht er gar nicht mehr.

Weit weg, am Horizont, kann er jetzt das Meer aufblitzen sehen, aber das nützt ihm nichts, weil es noch viel zu kalt zum Baden ist. Wenn es ihm wenigstens gelänge, braun zu werden, würde dieser Urlaub sogar ein wenig Sinn machen. In seiner Klasse tragen jetzt alle Lederbändchen am rechten Handgelenk, solange, bis sie von alleine abfallen. Sein heimliches Ziel ist es, die Haut unter dem Band in einen weißen Streifen zu verwandeln. Dann kann er sich von Katharina fragen lassen, wo er in den Ferien war. Für sie übt er schon die Antworten. Er wird ihr von den Zitronen erzählen und von Rom und davon, dass er einen echten Vulkan gesehen hat. Er weiß nicht, wofür sie sich interessiert, deswegen muss er sich alles merken. Die Mutter lächelt ihm zu, wenn sie seinen wachen Blick bemerkt. Er muss also vorsichtig sein, denn lächelnde Mütter sind nicht gut für das Selbstbewusstsein eines Dreizehnjährigen.

„Meine Damen und Herren“, schnurrt die Reiseleiterin ins Mikrofon, „in wenigen Minuten erreichen wir Pompeji. Wir werden gemeinsam im Antiquarium einige besonders interessante Fundstücke betrachten, danach haben Sie zwei Stunden Zeit, sich frei auf dem Ausgrabungsgelände zu bewegen. Ich muss Sie bitten, keine Steine oder Mosaikstücke einzupacken. Wir Touristen haben schon ein Viertel der Stadt abgetragen und in der Welt verstreut.“ Die Touristen lachen selbstgefällig. Stefans Mutter dreht sich zu ihm um. Er hält die Luft an. Seit Tagen redet sie von nichts anderem mehr. Pompeji, Pompeji, eine Stadt, versunken unter glühenden Lavamassen, erkaltetes Leben in Momentaufnahmen festgebrannt. Ist das nicht interessant? Heimlich hat er den Verdacht, dass der Vulkanausbruch extra für seine Mutter stattgefunden hat. Damit sie Jahrtausende später hierher reisen und ihm mit ihren Entdeckungen in den Ohren liegen kann. „Die Stadt ist so groß wie hundert Fußballfelder“, sagt sie jetzt und strahlt.

„Porta Marina“, ruft die Reiseleiterin, „wir sind da! Alles fertigmachen zum Aussteigen bitte!“ Stöhnend und kichernd rappeln sich die Reisenden auf, sortieren ihre Fotoausrüstungen, ihre Handtaschen und klettern die enge Bustreppe hinunter. Die Frühlingssonne strahlt warm und trocken vom Himmel, und Stefan krempelt schnell die Ärmel seines Sweatshirts in die Höhe. „Des is alzo etz Bombäi“, staunt die fränkische Ehefrau, die neben Stefan in den flirrenden Straßenstaub plumpst. „Bassd scho“, brummelt ihr Ehemann und zückt seine Spiegelreflexkamera. Der Vater nimmt Stefan bei der Schulter. Die Reiseleiterin schwingt ihren roten Schirm, und die Gruppe setzt sich trabend in Bewegung.

(…)

Erschienen im:

Luchterhand Literaturverlag
Oktober 2005
ISBN-13: 978-3630620770