Das siamesische Klavier von Christiane Neudecker

„Er ist der Mann, der deinen Schatten stehlen wird.”

Wann sie damit anfingen, die Toten zu rufen, weiß im Nachhinein niemand so genau. Es begann doch als harmlose Jugendfreizeit auf dem Hof, aber dann wurden die Spiele der Kinder immer beunruhigender. Bis zu jener Nacht, von der sich die, die sie überlebten, bis heute noch nicht erholt haben.

Ein mysteriöses Doppelklavier, das in der überwucherten Villa eines Kautschukbarons aufgespürt wird. Ein Schatten, der sich im lichtverschmutzten Hongkong zu verselbständigen beginnt. Ein Boxer, der gegen einen teuflisch guten Gegner kämpft. Eine verhängnisvolle Begegnung mit einem Erlkönig der Neuzeit oder ein Schachspiel mit einem Toten: in sieben Geschichten erzählt Christiane Neudecker von dem winzigen Spalt, der sich von Zeit zu Zeit in unserem hoch technisierten Dasein auftut – sie versetzen mit hypnotischer Spannungskunst das Genre der unheimlichen Erzählung von E.T.A Hoffmann bis Daphne du Maurier in unsere moderne, nur scheinbar durchrationalisierte Welt.

Ausgezeichnet mit dem Phantastikpreis der Stadt Wetzlar, dem Bayern2-Wortspiele-Preis und einem Gaststipendium der Villa Aurora/Los Angeles.

„Diese ‘unheimlichen Geschichten’ rauben einem eventuell den Schlaf, aber keinesfalls die gute Laune.”

Abendzeitung

„Eine gelungene Geisterbeschwörung”

FAZ

„Auf dem Humus der literarischen Tradition schafft Christiane Neudecker ganz ungewöhnliche Kurzgeschichten – sprachlich brillant, klug komponiert, spannend und verstörend.”

BR

Leseprobe

Auszug aus „J’adoube“

J´adoube

Weiß hat gezogen. Die Nachricht auf dem Monitor ist unmissverständlich. Weiß hat gezogen und wartet auf den Gegenzug. Die Buchstaben in dem blauen Kästchen sind fett gedruckt: Sie haben eine neue Partie, eine Herausforderung zum SunTzu-Schach von ghostbuster7.

Sie sitzt ganz still und starrt auf den Bildschirm. An der Bar hinter ihr klirren Eiswürfel, die in Cocktailgläser geworfen werden. Eine Kaffeemaschine faucht. Auf der Terrasse lachen die englischen, deutschen, griechischen Touristen laut, viel zu laut. Ventilatoren wirbeln Dunstschwaden aus feuchter Salzluft durch das Hotel. Neben dem Tresen übertragen zwei Flatscreens unterschiedliche Sportprogramme: Basketball und irgendein Fußballmatch englischer Clubs. Die Stimmen der Moderatoren überschlagen sich, goal!, defense!, score! Überall riecht es nach Sonnencreme.

41, 40, 39. Ein kleines Fenster ist auf dem Monitor aufgesprungen. In ihm zählen rote Digitalsekunden abwärts. Sie verdecken den Button, mit dem sie das digitale Schachbrett öffnen könnte. 38, 37, insert more money, your time is running out. Aus ihren nassen Haarsträhnen löst sich ein Tropfen Meerwasser. Er rollt über ihren Rücken, fängt sich in der Knotenschleife ihres Bikinioberteils.

Sie rührt sich nicht. Sie müsste in ihrer Strandtasche nach Münzen suchen, müsste sie in den Hotelcomputer einwerfen, die Zeit verlängern, zehn Minuten für einen Euro. Aber sie bewegt sich nicht. Weil das, was sie sieht, gar nicht sein kann. Denn das da, das ist die Spielaufforderung eines Toten.

 

Seit er gestorben ist, hat sie aufgehört, zu spielen. Sie hat sich den Rhythmus abgewöhnt: aufstehen, noch im Schlafanzug den Rechner hochfahren, sich einloggen, den neuen Spielstand betrachten und dann, erst dann in die Küche gehen, um das Kaffeewasser aufzusetzen, jeden Morgen. Sie hat die Seite nicht mehr aufgerufen, seit es passiert ist. Hat alle Partien gegen andere Spieler auslaufen lassen, lost due to time-out, hat nie wieder nach ihrem Spielerrang gesehen oder auch nur ihren Usernamen eingegeben: snowfxingwhite. Nichts davon.

Ein halbes Jahr ist es her, dass mitten in der Nacht der Anruf kam. Die Verbindung war erschreckend klar gewesen, es gab kein einziges Hintergrundgeräusch, keine andere Raumakustik schwang mit, ganz so, als stünde seine Schwester nicht in Leipzig sondern direkt bei ihr in Nürnberg neben dem Bett. Die Störung war in der Stimme der Schwester selbst gelegen, sie brach immer wieder weg, das Schluchzen zerhackte ihr die Sätze. Von seinen Brillengläsern, die zersplittert auf der 5th Avenue gelegen hatten, sprach die Schwester. Und von der Ratlosigkeit der amerikanischen Freunde, die immer wieder sagten: wir haben ihn doch gewarnt, in New York fährt man nicht mit dem Rad.

Ein Lieferwagen soll es gewesen sein, ein dunkelblauer Kombi von Schwartz`s Deli. Der Fahrer hatte ihn nicht kommen sehen, natürlich nicht. Ganz leer sollen die Augen des Fahrers gewesen sein, dem noch bei der Befragung die Tabletts mit den Delikatessen aus der aufgesprungenen Tür des zerbeulten Lieferwagens entgegenrutschten. Er soll auf die am Boden zerplatzenden deviled eggs geblickt haben, auf die aufschlagenden, kreisrunden Pumpernickel-Scheiben mit den roten Kaviareiern auf Frischkäse, die zerquetschten, mit Kräutermayonnaise gefüllten Fleischtomaten. Und soll immer wieder gemurmelt haben, wie das denn möglich sei: dass da plötzlich jemand hatte auftauchen können, der vorher, im Seitenspiegel des Wagens, einfach nicht zu sehen gewesen war.

Sie war nicht zur Beerdigung auf dem Evergreens Cemetery in Brooklyn geflogen, der neben Trauerzeremonien auch Vogelführungen auf dem weitläufigen Friedhofsareal anbot: meet the American Goldfinch, the Red Tail Hawk, the Northern Mockingbird. Nach dem Telefonat mit der Schwester hatte sie den Hörer aufgelegt und die Stirn an die Wand gelehnt, die Augen geschlossen. Dann, als die Tränen nicht gekommen waren, war sie zu ihrem Rechner gegangen. Sie hatte seine Fotos von ihrer Festplatte geschoben, die kleinen, pixeligen Videos und die Handybilder, hatte seine mails gelöscht, seine Kontaktdaten, all die Nummern und Adressen, hatte dann die virtuellen Verbindungen zu ihm gekappt: die online-Kontakte, die Zugangsdaten zu seinem Profil, die bookmarks zu seinem blog. Sie sprach nie wieder von ihm und ihre Freunde lernten, über ihn zu schweigen. Das hölzerne Schachbrett, mit dem sie die Online-Partien nachstellte, hatte sie von ihrem Schreibtisch genommen. Sie hatte es eingeräumt, die Damen neben die Könige gelegt, die Bauern, Pferde Läufer, Türme in die vorgeformte Samtverschalung gedrückt und den Deckel verschlossen.

(…)

Erschienen im:

Luchterhand Literaturverlag
2010
ISBN-13: 978-3630873138

btb (Taschenbuch)
2012
ISBN-13: 978-3442743315