Boxenstopp von Christiane Neudecker

„Er wird weich fallen, wenn er stürzt. Er hat, das glaube ich, sieben Leben. Und das ist der Unterschied zwischen ihm und mir.”

Die malerische Kulisse Portugals, das Dröhnen der Boliden auf der Rennstrecke von Estoril – und eine Frau, die mit einer männerdominierten Wirtschaftswelt kollidiert.

Verkaufen ist Arbeit, Präsentieren eine Kunst: Als erfolgreiche Fernsehmoderatorin wird sie häufig für internationale Corporate Events gebucht. Diesmal soll sie gleich einen ganzen Monat für die Vermarktung eines luxuriösen Sportwagenmodells zur Verfügung stehen. Die Aussicht ist verlockend: auf der ehemaligen Formel 1-Rennstrecke im portugiesischen Estoril fährt der deutsche Konzern Schneyder Motors alles auf, was die moderne Unterhaltungsindustrie zu bieten hat. Das Autódromo Fernanda Pires da Silva wird zur Bühne für ein gewaltiges Verführungsspektakel. Die Moderatorin akzeptiert. Und damit beginnt ein Sturz in die Katakomben des Big Business – dorthin, wo die Grenzen von echten Gefühlen und glitzernden Oberflächen verwischen. Denn im Zentrum wirtschaftlicher Macht gelten eigene Gesetze.

Christiane Neudecker gelingt mit ihrem neuen Roman ein literarischer Trip ins marode Innere unserer Gesellschaft: poetisch, zornig, hochaktuell.

„Die präszise und lebendige Schilderung der Ereignisse rund um den Launch einer Sportwagenserie macht BOXENSTOPP zum bisher spannendsten und unterhaltsamsten Buch von Christiane Neudecker. Die perfekte Verbindung von Literatur und Wirtschaftsthriller – sehr empfehlenswert!”

PASTA!

„Eine Entdeckung!”

Deutschlandfunk

„Ein kluger und raffinierter Gegenwartsroman”  

Süddeutsche Zeitung

Leseprobe

(…)

Was für ein Kerl, habe ich gedacht, als ich ihn zum ersten Mal sah, was für ein Kerl von einem Mann, und: kein Wunder, dass jemand von seiner Statur so viel Macht besitzt. Ich stand unten auf der Rennstrecke, über mir der Brückenbau, den sie eigens für die Veranstaltung über die Zielgerade gezogen hatten: ein geschlossener Glasraum auf Stahlstreben, der, so schätze ich, mindestens zweihundert Leute fassen konnte. Ich hielt mich im Dunkeln, knapp außerhalb des Lichtquadrats, den der erleuchtete Glasbau von oben auf den Asphalt zeichnete, ich stand da und sah hoch zu ihm. Die Generalprobe muss das gewesen sein, die Generalprobe für die Enthüllung, den Reveal, und ich weiß noch, dass ich verwundert war, dass ich mich fragte, ob jemand wie er überhaupt einer Probe bedurfte. Er war das Zentrum dieses Luftaquariums, er lehnte am Rednerpult vor der noch leeren Zuschauertribüne, stand mit dem Rücken zur hinterleuchteten Glasfront und ich konnte von draußen nur seinen breitschultrigen Umriss erkennen, seine lichtumrandete Silhouette. Um mich herum kroch der Spätsommernebel in die Baumwipfel hinein, die Dunkelheit wurde dickflüssig, ich sah keine Flugzeuge im nächtlichen Sinkflug auf Lissabon mehr, nur noch den gedämpften Lichtreif des blinkenden Spielcasinos von Estoril, keinen einzigen Stern. Es roch nach Motoröl und Meer, ich wartete und betrachtete ihn, während sie oben die Farbfilter wechselten, das Licht auf ihn fokussierten, ihr Firmenlogo in den ganzen Raum hinein projizierten, ein rotierendes, zerfallendes Kaleidoskop, das sich um ihn herum drehte. Zwischen meinen Fingern flatterten die Karten mit den Stichworten im Wind, hinter mir öffnete sich quietschend eines der Rolltore an den Werkstatt-Boxen und gebückte Gestalten schoben sich darunter hindurch. Über ihre Glitzerkostüme hatten sie weiße Frotteebademäntel geworfen, ihre Gesichter waren blass gepudert, mit dicken Rouge-Balken und blutrot nachgezogenen Mündern und schwarz umrandeten Augen, die offenstehenden Gürtel ihrer Mäntel schlängelten hinter ihnen über den Asphalt, sie kicherten und brachten einen eigenartigen Geruch mit sich, nach Schweiß und Staub und Aceton, sie schwankten auf viel zu hohen Pfennigabsätzen durch die Dunkelheit, an mir vorüber und auf ihn zu. Das war der Moment, in dem ich begriff, dass wir diesen Ort entfremdeten, dass wir etwas hierher brachten, das hier nichts zu suchen hatte, dass wir, so dachte ich, diese Rennstrecke entweihten: das Autódromo Fernanda Pires da Silva, den Circuito Estoril.

Immer wieder träume ich von dem Streckenverlauf des Autodroms. Er hat sich mir eingegraben, ist ein Stachel, den ich mir nicht ziehen kann. Im Traum sehe ich die Rennstrecke von oben, immer von oben. Eine Luftaufnahme ist das, die Linienführung verschlingt sich von dort zu einem Drachen, der sich mit rückwärts gerecktem Haupt in den eigenen Schwanz beißen will.

Dass der Ort nichts dafür kann, ist mir klar. Das Autódromo nicht, Estoril nicht, Sintra nicht. Nicht das Cabo da Roca, die steilen Schieferklippen der Westküste, der Atlantik. Und Lissabon nicht, natürlich nicht, meine geliebte, treppendurchmaserte Stadt.

(…)

Erschienen im:

Luchterhand Literaturverlag
März 2013
ISBN-13: 978-3630873176