Er steht auf der Madison Avenue. Mitten in den aufsteigenden Abgaswolken steht er und reckt seine weiß behandschuhten Hände in den bleichen New Yorker Winterhimmel. Einen Moment lang schließ er die Augen. Er spürt – woher will ich das wissen – die Schneeflocken, den Frost auf seinem Scheitel. Eine Warnung schrillt auf, jemand hupt im Vorüberfahren, das verzogene Schallzeichen verliert sich hinter der nächsten Biegung. Da öffnet er die Augen, er fixiert das Orchester, das niemand sehen kann außer ihm, und gibt den Auftakt.

Es ist der 5. Januar, 1946. Es ist der Tag, an dem er stürzt.

Aber ich kann mir da nicht sicher sein. Seine Zerstörung hat schon lange vorher begonnen. Seinem Butler soll er, bevor er 1933 aus Berlin floh, den Schlüssel zum Safe in seiner Wilmersdorfer Wohnung anvertraut haben. Notenbögen um Notenbögen müssen sich darin befunden haben, Umrisse von Melodien, Lied-Skizzen, Andeutungen einer Arie. Er muss gehofft haben, dass der Butler sie ihm später nachschicken würde, ins Exil, nach Ungarn, nach Frankreich und Kuba, aber der Butler verkaufte. An arische Musiker verkaufte er, an erfolglose Notenreiher, die den richtigen Pass besaßen. Vielleicht war es ja eine dieser verlorenen Melodien, die er, sich erinnernd, dort auf der Madison Avenue dirigierte. Vielleicht war es ein Tanz.

Ich weiß das nicht, ich kann das nicht wissen. Ich kann mich annähern, mich einfühlen, aber das ist, so haben sie es uns auf der ostdeutschen Schauspielschmiede eingebläut, das Schlimmste, was man tun kann. Hör auf damit, sagten sie angewidert, hör auf zu psychologisieren.

Und es ist ja auch unlauter, diese ganze Einfühlerei, sie bringt ja nichts. Trotzdem sehe ich ihn, ich sehe ihn vor mir, wie er da steht. Er hat zu schwitzen begonnen, seine weit schwingenden Armbewegungen zerschneiden die Eisluft. Ein fortissimo führt er gerade aus, er fixiert, so will ich es, den Verkehr um sich herum, er treibt mit wirbelnden Händen die Wagen an und bremst sie dann ab, vivacissimo, adagio.

Zweiundvierzig Mal. Zweiundvierzig Mal soll er an diesem Januartag den Liftboy des Hotels in den siebzehnten Stock fahren haben lassen. In einem steigenden Accelerando trieb er den Fahrstuhl durch die Stockwerke und rief: „Schnell, noch schneller!“ 42. Ich frage mich, woher diese Zahl kommt. Ob es der Liftboy war, der mitzählte. Wer weiß soetwas und: wer soll es glauben.

Ich doch nicht. Ich glaube nicht an Biographien, nicht einmal an meine eigene. Und trotzdem habe ich Balzac getroffen, höchstpersönlich. Stefan Zweig hat mich neben ihn gesetzt, ich betastete seine Mönchskutte und wurde ganz klein. „Du musst doch mal schlafen, Honoré“, flüsterte ich, aber Balzac hörte nicht auf mich, und Stefan Zweig erst recht nicht, und wer am Schluss nicht mehr schlief, war ich.

Und auch er schläft nicht. Er kann, bevor er sich in den Wirbel aus Schnee und New Yorker Straßenverkehr stellte, schon lange nicht mehr geschlafen haben. Denn er komponierte ja ohne Unterlass, er reihte fiebrig Takt an Takt. Wie der abgerissene, auf dem Fluss Hebros herumtrudelnde Kopf des Orpheus sang er immer weiter, auch wenn niemand ihn mehr hören wollte und sein Orchester verstummte.

Ich möchte nicht weiterdenken. Aber es geht ja nicht anders, ich kann seine Geschichte, sein Leben, nicht anhalten. Ich bin einmal, dieses eine Mal nicht schuld. Und das ist keine Flucht. Es gibt für Fluchtgedanken gar keinen Grund, es gibt genug, worauf man zugehen kann.

Er weiß das. So wie er doch wissen muss, dass die Wagen, die auf ihn zurasen, keine Instrumente sind und ihre Fahrer keine Musiker. So wie ein Schauspieler um die Bühne weiß – und ich um die Anwesenheit meiner Gegenwart. Wir haben ein Doppelbewusstsein. Wir fliehen nicht, wir bleiben beide, er und ich.

Schon höre ich die Sirenen, das Aufheulen des Streifenwagens, der im Norden in die Madison Avenue Bridge einbiegt. Ich sitze hier an meinem Schreibtisch und lausche und er dreht die Handflächen nach oben, dem Schneegestöber entgegen. Er fixiert die Blechbläser, die zwei auf ihn zu marschierenden Polizisten sind, und hält eine Fermate: Paul Abraham.


HamburgDieser Text enstand für die Hamburger Begegnung 2014. Das Hamburger Literaturhaus lud rund 30 Autoren und Literaturkritiker ein, um vom 18. bis 20. Mai in nicht-öffentlichen Gesprächsrunden aktuelle Fragen der Gegenwartsliteratur und deren Ästhetik zu diskutieren. Die Diskussionsbeiträge standen in diesem Jahr unter dem Leitthema »Flucht in fremdes Leben. Ein neuer Trend zur Biografie?« – ausgehend von Siegfried Kracauers schmalem Essay »Die Biographie als neubürgerliche Kunstform«. Auch die fünfte »Hamburger Begegnung« wurde von der Autorin Sibylle Lewitscharoff, der Kritikerin Meike Feßmann und dem Leiter des Literaturhauses Hamburg Rainer Moritz kuratiert. 

Die Einladung nach Hamburg haben angenommen: die Autoren Larissa Boehning, Rabea Edel, Aris Fioretos, Annett Gröschner, Sabine Gruber, Anna Kim, Ursula Krechel, Gertrud Leutenegger, Christiane Neudecker, Karl-Heinz Ott, Ulrich Peltzer, Monika Rinck und Robert Schindel sowie die Literaturkritiker Helmut Böttiger, Gregor Dotzauer, Stefan Gmünder, Peter Hamm, Ina Hartwig, Andreas Isenschmid, Sandra Kegel, Tilman Krause, Ijoma Mangold, Christopher Schmidt, Daniela Strigl, Matthias Weichelt und Hubert Winkels.