Wie das denn nun sei mit Burma, fragte mich eine Zuhörerin kürzlich bei einer Lesung aus „Nirgendwo Sonst“, wie schätzen Sie das ein. Und ich holte Luft um zu sagen, dass ich ja keine Journalistin sei, keine politische Analystin, und vor allem, leider, schon länger nicht mehr dort gewesen. Und da fiel es mir auf: mein erster Kontakt mit diesem widersprüchlichen Land ist zehn Jahre her. Zehn Jahre, in denen es mich nicht losgelassen hat. Zehn Jahre, in denen, so berichten selbst die argwöhnischeren der Medien, viel passiert zu sein scheint. Der Militärstaat öffnet sich, schreiben sie. Sie hoffen auf Tauwetter, auf Transformation, einen Triumph für die Demokratie. Glauben Sie das, wollen meine Leser immer wieder von mir wissen, glauben Sie an die Veränderung.

by Luchterhand Literaturverlag

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Ich weiß es nicht. Ich möchte es. Aber ich fürchte: nein.

Dafür gibt es Gründe. Ein paar Sätze nur sind es, ein paar Worte, die seit Januar auf meinem Schreibtisch liegen. Nicht ich habe sie geschrieben, sondern jemand, der mir seit zehn Jahren Nachrichten zukommen lässt, Nachrichten aus der Mitte des Landes. In unregelmäßigen Abständen gelingt es ihm, mir Briefe aus Burma herausschmuggeln zu lassen, ein paar handschriftliche, unüberwachte Zeilen auf liniertem Papier. Oft geht es in den Briefen um die Menschen, die meine Freundin U. und ich damals treffen durften, um ganz alltägliche Begebenheiten. Die Angst vor deutlichen Worten ist immer noch groß. Wahrheiten wurden uns schon damals nur zugeraunt, hastig erzählt, bruchstückhaft, auf einsamen Straßen oder auf Feldwegen, übersichtlichem Gelände jedenfalls, in dem der, der sprach, nicht fürchten musste, verhaftet zu werden. In den Briefen ist es ähnlich: ich muss die Leerstellen füllen, muss die Sätze in ihrer Weite begreifen, in ihrer Haftbarkeit. As you know, schrieb er in einem seiner ersten Briefe, our postal services and transportation are unreliable.

Wer er ist, tut nichts zur Sache. Im Roman sind Spuren von ihm, von dem, was er im Land erreicht, aber ich musste und muss immer wieder betonen, dass ich Literatin bin, dass es keine Rückschlüsse auf ihn gibt und geben darf. Eine Notwendigkeit ist das – bestätigt, als nach dem Erscheinen des Buchs plötzlich mehrfach versucht wurde, seinen wahren Namen, seinen genauen Wohnort von mir zu erfahren.

Als die Mönche im Herbst 2007 zu demonstrieren begannen, hatte ich keinen Kontakt zu ihm. Ich war mitten in der Endphase des Romans. Ich schlief nicht mehr, ich saß vor meinem Rechner, hinter mir zogen die demonstrierenden Mönche in Endlosschleife über den Fernsehbildschirm, tagelang schmückten sie in ihren safranfarbenen Roben die Titelseiten. Sie, die vorher nicht sichtbar gewesen waren, in einem Land, von dem damals kaum jemand wusste, wo es lag, waren plötzlich überall. Und ich atmete kaum, ich schrieb und schrieb und wartete auf den Ausbruch, auf die Gewalt, von der jedem, der einmal im Land gewesen war, klar war, dass sie geschehen würde. Als sie kam, hörte ich auf zu schreiben. Zitternd saß ich vor den plötzlich blinden Bildschirmen, im stummen Rauschen der durch das Militär unterbundenen Nachrichten und sah, sobald ich die Augen schloss, die Leichenteile im blutrot gefärbten Irrawaddy, von denen ein nach Thailand geflohener General den Zeitungen schließlich erzählte. Ich zitterte und schluchzte und schrieb doch wieder weiter, bis mein Lektor irgendwann einschritt und mir anbot, das Buch zu verschieben. Aber das kam nicht infrage, Schweigen durfte keine Option sein, gerade da nicht, natürlich nicht.

Er, um dessen Worte es geht, schwieg damals lang. Er musste es. Keine Briefe verließen das Land, auf keinem Weg. Aber jetzt findet er seine Stimme wieder. Ausgerechnet jetzt, wo alle, auch ich, glauben wollen, dass die Reformen greifen. Und er spricht in ungewöhnlich klaren Worten. Diese Worte sind es, die mich, wie er es mir beigebracht hat, noch immer von Burma (deutsch: Birma) sprechen lassen, nicht von Myanmar. Diese Worte sind es, die mich zögern lassen bei einer Antwort auf die Frage nach Einschätzung – so sehr ich mir auch wünschen würde, dass die Anzeichen für Hoffnung und Öffnung ernst zu nehmen sind.

About the changes: It is fake, just for show.

Generals and colonels changed their clothes and go on as before.

Eine Täuschung also, ein Weiterführen der Doppelgesichtigkeit in Wechselgewändern. Der letzte Satz im Brief bricht ab, er verläuft in drei Punkten. Und diese Punkte sind es, die mich am meisten beunruhigen, sie führen zurück in die Mutmaßung und in die Willkür des Militärs.

Only on the surface…

Es ist die Oberfläche, sagt er, die wir sehen. Das Bild wird gesteuert, nach wie vor. Manchmal reißt die Leinwand ein und das Doppelgesicht wird wieder sichtbar, so wie jetzt, als die Regierung vor zwei Wochen die medizinische Versorgung durch „Ärzte ohne Grenzen“ unterbrach. Aber oft ist das Bild intakt, zu intakt, und es fällt mir schwer, an die Veränderung zu glauben.

Aber ich will hoffen, weiterhin, auf Veränderbarkeit.