Als ich ein Kind war, hingen bei uns zu Hause in Eibach fünf Zeichnungen an der rauh tapezierten Flurwand. Sie waren an der schmalen Leiste neben der verspiegelten Kellertür angebracht und ich erinnere mich, dass ich mich auf die Zehenspitzen stellen musste, um sie überhaupt sehen zu können. Der Zeichner Jules Stauber hatte sie meinem Vater geschenkt und ich war lange davon überzeugt, dass der Mann, der auf allen diesen fünf Bildern an seinem Schreibtisch saß, irgendwie meinen Vater darstellen sollte – auch wenn er ganz anders aussah. Denn mein Vater war ein Geistesarbeiter, der oft in Rauchwolken gehüllt in seinem Arbeitszimmer vor der ratternden, elektrischen Schreibmaschine saß. Und ich, die ich damals so klein war, dass ich noch nicht lesen oder schreiben konnte, versuchte zu verstehen, was er da eigentlich tat.

Auf dem ersten Bild sitzt der Schriftsteller vor einem Tintenfass und vor allem: vor einem blütenweißen, leeren Blatt Papier. Die Augen des Schriftstellers sind in der Zeichnung zu kleinen Kringeln zusammengeschnurrt. Seine Ellenbogen stützen sich auf die Tischplatte, er sitzt gebeugt, die Stirn hat er in seinen ineinander verschobenen Händen abgelegt. Aber die Zeichenlinie seiner Finger, die – so nutzlos – einfach nicht nach dem Federhalten greifen und das noch leere Blatt endlich beschreiben wollen, endet nicht da, wo sie sollte. Wie eine irrlaufende Gedankenschleife windet sie sich in waghalsigen Serpentinen in die Luft hinauf, immer höher und höher, bis sie sich über dem Kopf des Schriftstellers schwebend zu einem Knoten verschlingt.
Die Angst vor dem leeren Blatt Papier, dieser horror vacui, ist häufig beschrieben worden. Ganze Generationen von Schriftstellern sind vor der eisigen, wüstenhaften Leere des Wortbeginns erstarrt. Hemingway etwa soll sich deswegen einer Elektroschocktherapie unterzogen haben und Gustave Flaubert schrieb 1866 an einen Freund: “Du weißt nicht, wie es ist, den ganzen Tag mit dem Kopf in den Händen zu verharren und zu versuchen, dein unglückliches Gehirn auszuquetschen, um ein Wort zu finden.”
Heilmittelempfehlungen gibt es viele, aber sie alle laufen auf das eine hinaus: Aushalten. Sitzenbleiben.

Das zweite Bild hat mich als Kind ein wenig verwirrt. Der Schriftsteller ist diesmal seitlich zu sehen, er sitzt mit geschlossenen Augen an seinem Tisch und schreibt. Er trägt große, runde Kopfhörer, die über Kabel mit einem Mikrophon verbunden sind. Dieses Mikrophon steckt zwischen den nackten Brüsten einer Frauenbüste die sich auf einem Sockel im Rücken des Schriftstellers befindet. Die nackte Frauenstatue spricht mit lachendem Mund auf das Mikrophon ein, sie erzählt, sie diktiert. “Wer ist die”, fragte ich meine Mutter, “Warum hat die nichts an?” Und meine Mutter überlegte nicht lang, sie sagte: “Seine Muse.”
Ich hörte das Wort zum ersten Mal, ich dachte, es sei ein Eigenname, der mir ziemlich gut gefiel. So könnte ich, dachte ich, eigentlich auch heißen: Muse Neudecker das schien mir damals ein ziemlich okayer Name.
Heute weiß ich, was für unzuverlässige Damen diese Musen sind. Und wie selten sie sich dazu herablassen, einen aufzusuchen. Ihre Einflüsterungen sind unschätzbar. Sie treiben dich über deine eigenen Gedankengrenzen hinaus, sie bringen dich in diesen Zustand, in dem du plötzlich das Gefühl hast, dass alles schon da ist, dass die einzig wahrhafte Version dessen, was man da erzählen will eigentlich schon existiert und man sie nur festhalten muss. Nicht nur die Geschichte, denn die sollte, bevor man sie aufzuschreiben beginnt, längst klar sein. Auch die Figuren, die Perspektive, die Struktur und vor allem: die Worte. Die richtigen Worte zu finden, ist das schwerste, was es gibt. Wer schreibt, ernsthaft schreiben will, darf sich in der Sprache nicht zu früh zu frieden geben. Er muss schürfen, er muss zittern, er muss schlaflos werden auf der Suche nach dem richtigen Wort. Und er muss auf der Hut sein. Denn auch Musen können sich irren.

Die dritte Zeichnung gehört zu meinen Lieblingsbildern. Wieder ist eine Frau mit auf dem Bild, wieder ist der Schriftsteller emsig am schreiben. Aber diesmal wird ihm nichts eingeflüstert, nein, er wird gelesen. Die Frau sitzt mit ausgestreckten Beinen auf dem Boden, ihr Rücken lehnt an der Rückseite des Schreibtisches. Der gerade vom Autor beschrieben werdende Papierbogen wellt sich wie eine Papyrusrolle herunter bis zu ihr. Sie hält das Papier mit beiden Händen, sie lächelt und sie liest.

Erste Leser sind unendlich wichtig. Mein Vater konnte es für mich nicht mehr werden, er starb als ich siebzehn war, er bekam mein Schreiben nur als Anfangsversuch mit, als vage umrissenen Wunsch. Aber andere nahmen diesen Platz ein: mein Lektor, meine Agentin, meine Mutter mit ihrem wunderbar genauen Blick, meine – Ende letzten Jahres verstorbene – kluge und eigensinnige Freundin Eleonore Herlerth. Und: dieser Wettbewerb, der vor vielen Jahren einer meiner allerersten Leser war. Der mich ermutigte und auch zwang, das ernst zu nehmen, was ich doch damals schon wollte. Dass es diesen Literaturpreis nun schon seit fünfundzwanzig Jahren gibt, ist für alle Literaturschaffenden in der Region ein Geschenk.

Zwei Bilder haben wir noch.

In einem hat der Schriftsteller sein leeres Blatt Papier an einen Füllfederhalter geklemmt. Der Flieger hat Schleifen gezogen und schießt nun mit blanker Klinge auf den sich ängstlich wegduckenden Autor zu. Das passiert manchmal: die Gedanken koppeln sich rück, wir treten im Schreiben etwas los, das uns angreift – aber das ist richtig so, denn nur so kommen wir der Wahrheit nah, nur so brechen wir durch unsere eigenen Mauern und antrainierten Schutzreflexe hindurch.

Und schließlich das fünfte und vielleicht wichtigste Bild. Der Autor sitzt vor seiner Schreibmaschine. Schockstarr stiert er sie an, seine Arme baumeln schlaff neben seinem Körper, mit den Füßen stemmt er sich ein wenig von ihr weg. Und das ist kein Wunder, denn die Tasten der Maschine sind der Unterkiefer im bedrohlich aufgerissenen Rachen eines Ungeheuers. Das aufgespannte Papier ragt tief in den Schlund der Bestie, von oben stechen spitze, lange Zähne der Tastatur entgegen. Jeden Moment könnte das heimtückisch blickende Ungeheuer den Schriftsteller, sollte er es wagen und sich wirklich nähern, verschlingen.
Das ist es. Das ist die Literatur, die eine Lebenswahl ist. Es ist die Literatur, die ich selbst schreiben will – und es ist die Literatur, die ich lesen möchte. Sätze, die Überwindung kosten, Worte, die etwas riskieren, die Schweiß bedeuten und Lebenszeit.

copyright by Jules Stauber

copyright by Jules Stauber

Die Bilder hängen heute in meinem Arbeitszimmer in Berlin. Noch immer sehe ich meinen Vater in ihnen, aber ich sehe auch mich. Ich sehe Eleonore Herlerth unter meinem Schreibtisch sitzen und meine gerade geschriebenen Zeilen lesen, weit über ihren Tod hinaus.
Und ich sehe befreundete Schriftstellerkollegen an diesem Tisch, der manchmal ein Schlachtfeld ist. Menschen, die sich dem Wagnis der Literatur stellen, Menschen, die sich in die Kampf mit den Worten stürzen, sich in Abgründen begeben, Menschen, die schreiben.

Ihr, die Ihr heute mit diesem Wettbewerb uns als Erstleser und Zuhörer bekommt: Lasst Euch nicht abschrecken von sich verknotenden oder Angriffe fliegenden Gedanken. Bleibt sitzen, haltet das aus. Hört darauf, was Euer Instinkt Euch diktiert. Gebt Euch nicht zufrieden, niemals. Noch einmal: haltet aus. Und vor allem: reckt Eure Hände, Euer Herz, Eure ganze Seele tief in den Rachen des Ungeheuers.

Viel Glück.