Wie ist das, wenn man ein neues Buch zum ersten Mal in den auditiven Raum hinausschickt? Immer: anders.

Es ist nicht nur der Autor, der mit einer Lesung an die Öffentlichkeit herantritt – es ist das Buch selbst, das sich Gehör verschaffen will. Plötzlich suchen sich Sätze und Figuren eine eigene Stimmfrequenz. Die gelesenen Worte lösen sich von ihrem Schöpfer ab, sie tasten sich vor, müssen sich lautmalerisch neu verorten. Als Schallimpulse suchen sie sich ihren Weg aus den Seiten heraus, sie brechen sich an den Widerständen der realen Umgebung, reiben sich am Vortragenden und an der Reflektion, mit der sie zurückgeworfen werden. Und sie verändern alles, worauf sie treffen. Der Ort wird zum Echoraum, der Lesende zur Schallquelle, der Leser zum Zuhörer.

christiane neudecker bei "leipzig liest" (c) katrin kroll

christiane neudecker bei „leipzig liest“ (c) katrin kroll

Mich erstaunt das immer wieder: dass nicht nur jede Erzählung ihre eigene Schreibmelodie benötigt, sondern dass man diese Melodie auch noch unterteilen muss – in innere und äußere Klangwelten. Sie muss allem standhalten: dem Blick und dem Lauschen, dem Gelesenwerden und der Resonanz. Und es kann dauern, bis man diese eine, richtige Klangfarbe findet. Erste Lesungen mit einem frischen Buch sind für mich daher immer Sonar-Lesungen. Ich sende die Sätze als Echolot in die Zuschauerreihen hinein, ich werde selbst zum ortenden System und bin dabei hellwach und durchlässig. Der Text und ich müssen uns neu annähern.

Dass es sich dabei nie (oder selten) um den gleichen Lese-Ort handelt, verlängert den Prozess. Nichts wiederholt sich, es gibt keine deckungsgleichen Dopplungen. Die Räume, in denen meine Worte und ich mich bewegen, sind amorph. Sie setzen sich immer wieder neu zusammen: aus umliegenden Schallquellen, aus sich öffnenden, schließenden Türen und Fenstern, dem (ruhigen, schneller gehenden, stockenden) Atem der Zuhörer, der Ausrichtung der Bühne, der An- und Abwesenheit von Vertrauten und Fremden.

Aber wir sind jetzt da, das Buch und ich. Wir lesen uns gegenseitig. Und lauschen einander.