Die Sichtbarkeit von Schriftstellern habe ich lange für fragwürdig gehalten. Sollte nicht der Autor hinter seinen Geschichten verschwinden? Wer braucht wirklich das Gesicht hinter den Buchstaben? Der Text ist die Stimme, er steht für sich selbst, er sollte keine Schützenhilfe aus der Realität benötigen. In guter Literatur ist alles da: die Gedankenabgründe, die Lebenswelten, Traumbilder des Schriftstellers stecken in den Worten. Der Autor ist der Regisseur, er muss die Bühne nicht unbedingt selbst betreten. Im Gegenteil: Bei allzugroßer Sichtbarkeit seiner Person kommt es, dachte ich, nur zu einer Ablenkung, einer lautstarken Überlagerung, die das Erzählte anfälscht. Der Schriftsteller wird gläsern – während seine Bücher erblinden.

Nun gibt es aber mit steigender Medialisierung ohnehin immer mehr Dokumentation der Autorenperson. Immer mehr Interviews, Lesungsmitschnitte, Buchtrailer, home stories. Wenn sie sich nicht wie etwa Thomas Pynchon oder Peter Licht in ihrer Unsichtbarkeit gezielt stilisieren, werden Autoren immer sichtbarer – ob sie wollen oder nicht. Wir verlieren die Kontrolle über uns und unsere Eckdaten. Den über mich verfassten wikipedia-Eintrag etwa habe ich selbst nie autorisiert. Und trotzdem werde ich immer häufiger damit anmoderiert, ich werde konfrontiert mit diesen vorausgewählten, unüberprüften Wahrheitsfragmenten meines eigenen Lebens.

Ideal wäre ein Schwebezustand zwischen Wirklichkeit und Erfundenem. Bei Lesungen etwa ist der Autor zwar anwesend. Er sitzt im gleichen Raum wie sein Leser, er atmet, antwortet. Und trotzdem gibt es einen klaren Unterschied zur dauerhaften Verfügbarkeit des Autors im Netz. Lesungen sind wie Theaterinszenierungen: vergänglich. Sie leben in der Erinnerung ihrer Zuhörer weiter, sie verschieben sich dort, verwandeln sich je nach Blickwinkel und Wahrnehmung der einzelnen Gäste – und werden so selbst zu Imagination.

IMG_1845Aber Dinge wandeln sich, nichts steht still. Der Informationsfluß hat sich ebenso verändert wie unser Umgang damit. Nichtwissen erzeugt in Zeiten dauerhafter Informationsverfügbarkeit immer größere Irritation. Wir sortieren schneller, wir verwerten, verwerfen, vergessen. Hintergründe sind gewöhnlich nur einen Atemzug entfernt. Und ich selbst sehe das ja auch gern! Als Leserin bin ich zunehmend neugierig auf den Menschen hinter dem Buch. Ich möchte eine Ahnung bekommen von demjenigen, der hinter dem Erzählten steckt, einen Schattenriss einer Person. Umso mehr, wenn die Informationen zur Schaffung dieser Kontur vom Autor selbst bereit gestellt werden. Sollte ich dann meinen eigenen Lesern nicht das Gleiche zugestehen? Mit Worten, Daten, Bildern, die tatsächlich von mir selbst kommen?

Also: auf ein bisschen mehr Sichtbarkeit! Wir müssen ja nicht gleich gläsern werden.